Verhaftungswelle in der Türkei
Seit dem 8. September 2006 wurden 130 bis 140
Personen in Istanbul und vielen anderen Städten der Türkei festgenommen. Die
Festnahmen wurden von polizeilichen Angriffen auf demokratische Institutionen
wie Gewerkschaften, Zeitungen, Kultureinrichtungen, Frauenverbände,
Wahlbündnisse und Jugendvereinigungen begleitet. 65 Personen wurden wieder aus
der Haft entlassen, der Rest wurde in Untersuchungshaft genommen. Nach Auskunft
der Anwälte wurden einige schwer gefoltert. Der türkische Staat will mit dieser
Operation der kritischen Opposition einen schweren Schlag versetzen.
Unter
den angegriffenen Medien sind die sozialistische Zeitung Atilim, die
kurdische Zeitschrift Özgür Halk sowie der freie Radiosender Özgür
Radio.
Die Wochenzeitung Atilim (www.atilim.org)
berichtet zu sozialkritischen Themen, oppositionellen Bewegungen,
Gewerkschaftsaktivitäten, Studentenaktionen sowie über die Kultur von unten.
Die Zeitung Özgür Halk berichtet schwerpunktmäßig über die kurdische
Befreiungsbewegung. In diesem Rahmen agiert auch der freie Radiosender Özgür
Radio (www.ozgurradyo.com).
Diese Medien leisten einen wichtigen Beitrag, um eine Gegenöffentlichkeit gegen
die nahezu gleichgeschaltete Medienlandschaft in der Türkei herzustellen.
Verhaftung einer ESP-Vertreterin in Istanbul
Die Hafenarbeitergewerkschaft
Limter-Is und die Textilarbeitergewerkschaft Textil-Is sind in den
letzten Jahren durch zahlreiche Streiks und Kampagnen ins Licht der
Öffentlichkeit und der staatlichen Kontrolle gerückt. Die Hafenarbeitergewerkschaft
hatte in letzter Zeit Streiks zu Lohnforderungen und
sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverträgen durchgeführt. Die
Textilarbeitergewerkschaft kämpfte für gesunde Arbeitsplätze, da die Gesundheit
der TextilarbeiterInnen durch Chemikalien stark beeinträchtigt ist.
Der Frauenverband EKD
(Verein der Werktätigen Frauen, Kontakt über: ekd.ist@hotmail.com)
besteht seit über 10 Jahren und war ein Zusammenschluss von mehreren
Frauenverbänden und Organisationen. Arbeitsschwerpunkte sind Gleichstellung der
Frauen, sexuelle Gewalt während der Untersuchungshaft sowie strukturelle Gewalt
in Gesellschaft und Familie. Hierzu wurden internationale Konferenzen
veranstaltet und Öffentlichkeitsarbeit organisiert. Von Anfang an war dieser
Frauenverband Repressionen durch den türkischen Staat ausgesetzt. Die
Stundentenbewegungen an den Universitäten richteten sich gegen Studiengebühren
und für eine demokratische Lehre sowie Abschaffung der ständigen Polizeipräsenz
auf dem Campus.
Ähnlich wie in den 70iger
Jahren in Europa hat sich auch in der Türkei eine Wahlplattform gebildet, die
an den Parlaments- und Regionalwahlen teilgenommen hat. Diese Wahlplattform
ESP (Sozialistische Plattform der Unterdrückten, www.ozgurlukistiyoruz.org)
ist sozialistisch orientiert. Das Istanbuler Kulturzentrum Beksav (www.beksav.org) arbeitet
seit 1994 und zieht viele progressive Künstler an. Dort werden alternative CDs,
Filme, Fotos und Malerei produziert sowie Bildungsveranstaltungen durchgeführt.
Außerdem wird die Zeitschrift „Leben und Kunst“ (Kontakt über: sanathayatdergisi@hotmail.com)
herausgegeben, die von progressiven Schriftstellern, Künstlern und anderen
Intellektuellen erstellt wird.
Die derzeitigen Angriffe
auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie gewerkschaftliche Organisation
basieren auf erweiterten Anti-Terrorgesetzen. Mit diesen Gesetzen können in der
Türkei demokratische Vereinigungen, die sich kritisch mit der türkischen
Politik auseinandersetzen und über politische Aktivitäten im Lande berichten,
inhaftiert werden. Sie können bis zu sechs Monaten in isolierter
Untersuchungshaft gehalten werden, ohne einen konkreten Tatvorwurf genannt zu
bekommen. Rechtsanwälten kann der Besuch von Mandanten versagt werden. Diese
Angriffe verfolgen das Ziel, die Bevölkerung einzuschüchtern und demokratische
Veränderungen aufzuhalten. Solidarität ist in dieser Zeit dringend
erforderlich. Auch in EU-Staaten wie Italien und Spanien wird mit der
fadenscheinigen Begründung der Terrorismusbekämpfung versucht, die
demokratische und sozialistische Opposition auszuschalten. (…)
Wir sind eine Gruppe KölnerInnen,
die sich zu den Angriffen in der Türkei zusammengefunden haben. Wir können Euch
mit weiteren Informationen versorgen. Wir sind dabei Delegationen zusammenzustellen,
die vor Ort praktische Solidarität üben und die betroffenen Institutionen
schützen und deren Arbeit fortsetzen wollen. Ferner sollen Delegationen zur
Prozessbeobachtung entsandt werden (Köln, 17.10.2006).
Sakine Gülmez / Ulf
Petersen (Kontakt über: info@dengeazadi.de)
www.dengeazadi.de